Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2013 / 05 S. 24

Tausend mal gepanscht

GPSP warnt vor 1.000 Nahrungsergänzungsmitteln aus dem Internet

Russisches Roulette mit gepanschten Medizinprodukten
© Irochka – fotolia.com

Bei einem Lebensmittel oder Arzneimittel gehen Sie zurecht davon aus, dass auf der Verpackung steht, welche wesentlichen Inhaltsstoffe in dem Produkt stecken. Wenn Sie allerdings im Internet ein Nahrungsergänzungsmittel bestellen, das der Gesunderhaltung oder dem Wohlbefinden dienen soll, können Sie da nicht so sicher sein. Im Klartext: Da spielen Sie mit Ihrer Gesundheit Russisches Roulette.

Seit Bestehen dieser Zeitschrift stellen wir solche kriminellen Panschereien in einer Internetdatenbank zusammen. Jetzt hat diese Datenbank von Gute Pillen – Schlechte Pillen die Marke von 1.000 Produkten übersprungen. Anlass, Grundsätzliches über diese kriminellen Machenschaften zusammenzufassen, über die wir schon vielfach berichtet haben.

Nahrungsergänzungsmittel sind Lebensmittel. Sie dürfen ohne besondere behördliche Kontrollen der angepriesenen gesundheitlichen Wirkungen verkauft werden. Im Internet bewerben die Anbieter viele Nahrungsergänzungsmittel als „natürlich“ oder „rein pflanzlich“, obwohl sie stark wirksame medizinische Wirkstoffe enthalten. Insgesamt dürfte die Dunkelziffer solcher gepanschten Produkte beträchtlich sein. Denn nur sporadisch werden die Inhaltstoffe von Behörden überprüft – etwa wenn sich Verdachtsmomente auf Risiken häufen.

Das beginnt damit, dass die Vermarktung über das Internet keine nationalen Grenzen kennt. Produkte mit fremd klingenden Namen wie Lida Dai-Daihua sind in Deutschland oft unangenehm aufgefallen (GPSP 3/2009, S. 3). Erfahrungen aus anderen Ländern sind daher auch hierzulande von Bedeutung. So wurden in Singapur bei 77% der geprüften „natürlichen“ Nahrungsergänzungen, die angeblich Potenz und Erektion fördern sollten, nicht deklarierte chemische Bestandteile entdeckt. In 18% dieser Produkte fanden die Wissenschaftler gleich zwei oder mehr chemische Wirkstoffe.1,2


Skrupellose Panscher

Bei derartigen „Verunreinigungen“ handelt es sich nicht um Produktionspannen. Vielmehr versetzen skrupellose Anbieter gezielt und bewusst Nahrungsergänzungsmittel mit stark wirksamen Stoffen. Sie setzen auf spürbare Effekte und auf Mund-zu-Mund-Propaganda – also auf Kunden, die ein als pflanzlich deklariertes und wahrgenommenes Präparat im Brustton der Überzeugung weiterempfehlen, weil sie selbst nach der Einnahme Wirkungen gespürt haben.

Die Risiken solcher Produkte allerdings sind beträchtlich und nicht kalkulierbar. Es geht kriminellen Panschern ausschließlich um den Gewinn. Das Wohlergehen und die Gesundheit der Menschen ist ihnen schlichtweg schnuppe. Ein einfacher Beleg: Wenn vor einem gepanschten Produkt gewarnt wird, kommt flugs ein neues Etikett mit anderem Namen drauf, und der Verkauf geht weiter (GPSP 1/2013, S. 27).

Was macht gepanschte Produkte so gefährlich?


Riskante Stoffe im Verborgenen

Viele Menschen entscheiden sich für Nahrungsergänzungsmittel, weil sie chemisch produzierte Arzneimittel ablehnen oder weil sie vielleicht bestimmte Mittel meiden müssen. Männer mit Angina pectoris zum Beispiel, die Nitropräparate wie Isosorbiddinitrat (ISDN) oder ähnliche Arzneimittel benötigen, dürfen keine Erektionsförderer wie Sildenafil (Viagra® u.a.) schlucken. Denn bei gleichzeitigem Gebrauch droht der Blutdruck so stark abzufallen, dass er sich bisweilen selbst durch rasche ärztliche Hilfe nur sehr schwer korrigieren lässt. Wer also neben der notwendigen und vom Arzt verordneten Therapie mit Nitropräparaten ein Nahrungsergänzungsmittel einnimmt, das mit Sildenafil oder verwandten Wirkstoffen gepanscht ist, kann in Lebensgefahr geraten. Erschreckend ist, dass gerade Sildenafil und seine Varianten am häufigsten in Nahrungsergänzungsmitteln entdeckt werden: In 42% der Produkte, die die GPSP-Internetdatenbank „Gepanschtes“ aufführt, wurden Sildenafil oder Sildenafil-artige Wirkstoffe nachgewiesen.


Neu zusammengebraut

Besonders heimtückisch sind Nahrungsergänzungsmittel, bei denen chemische Wirkstoffe verheimlicht werden, die in der medikamentösen Therapie ungebräuchlich oder unbekannt sind. Dies ist keine Seltenheit: Immer häufiger kommen Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt, die die Erektion fördern sollen und Varianten des Viagra®-Wirkstoffes Sildenafil enthalten. Bei einer aktuellen Überprüfung von entsprechenden Produkten in den Niederlanden enthielten fast 75% solche experimentellen Wirkstoffe.1,2 Und zuletzt warnte die Landesbehörde Schleswig-Holstein vor Herbal men plus und Powerpills, in denen „in nicht unerheblicher Menge“ Sildenafil oder chemische Varianten des Wirkstoffs (Derivate) gefunden wurden.3 Ein besonders auffälliges Beispiel ist auch Mojo Nights. Darin steckten nicht nur Sildenafil und Tadalafil (als Cialis® im Handel), sondern zusätzlich drei chemische Varianten dieser beiden Wirkstoffe.

Die Formulierung „Variante“ ist hier allerdings geradezu verharmlosend. Es handelt sich bei solchen chemisch veränderten Substanzen um Wirkstoffe, deren Eigenschaften und Risiken sich beträchtlich von denen der Muttersubstanzen unterscheiden können. Sildenafil ist ein Enzymhemmer, der relativ spezifisch am Penis wirkt. In Nahrungsergänzungsmitteln enthaltene Sildenafilvarianten wirken zum Teil beträchtlich weniger spezifisch und hemmen auch Enzyme, die beispielsweise in der Netzhaut des Auges vorkommen. Die Folge können Sehstörungen, verminderte Sehleistung und veränderte Farbwahrnehmung sein. Derartige Effekte kommen bei der Muttersubstanz Sildenafil in der Regel nur nach sehr hohen Dosierungen vor.

Inzwischen wurden in gepanschten Produkten knapp 50 verschiedene Sildenafil-Abwandlungen entdeckt. Dahinter steckt eine Strategie der kriminellen Anbieter. Denn die chemischen Varianten lassen sich bei behördlicher Überprüfung im Labor schwerer nachweisen. Im Gegensatz zu den als Arzneimittel verordneten Stoffen fehlen für diese Varianten in der Regel etablierte Nachweismethoden. Vor allem fehlen aber auch Daten zu Art und Ausmaß der unerwünschten Wirkungen.2


Längst verbotene Inhaltsstoffe

In vielen Nahrungsergänzungsmitteln sind Wirkstoffe verborgen, die wegen beträchtlicher unerwünschter Wirkungen nicht einmal in rezeptpflichtigen +óÔéĽ-żArzneimitteln erlaubt sind. Zum Beispiel wurde in 33% der gepanschten Produkte der Appetithemmer Sibutramin (Reductil®) nachgewiesen. Dieser ist bereits seit 2010 verboten und die Präparate mussten aus den Apotheken zurückgerufen werden. Denn +óÔéĽ-żSibutramin kann das Herz-Kreislauf-System schädigen: Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzstillstand und Tod durch Herz-Kreislauf-Beeinträchtigung kommen vor (GPSP 1/2010, S. 8).

Auch abführend wirkendes Phenolphthalein, das früher beispielsweise in Darmol®-Schokolade enthalten war, darf schon lange nicht mehr als Arzneimittel verkauft werden. Aber bei Laborkontrollen wurde es in Nahrungsergänzungsmitteln „zum Abnehmen“ entdeckt. Schwere lebensbedrohliche Hautschäden sind möglich – glücklicherweise sehr selten. Schwerer wiegt allerdings, dass Tierversuche erbgutschädigende bezieungsweise krebserregende Effekte erkennen lassen.

Extrem hohe Dosierungen

Wie hoch stark wirksame Stoffe in gepanschten Nahrungsergänzungsmitteln dosiert sind, ist nicht vorhersehbar. Die Wirkstoffmengen folgen keiner Regel und können selbst beim gleichen Produkt unterschiedlich sein. Niedrigdosen und extreme Überdosierungen – alles ist möglich. Das blutzuckersenkende Glibenclamid nehmen Zuckerkranke beispielsweise üblicherweise in Tagesdosierungen zwischen 2,5 mg und 15 mg ein. In Nahrungsergänzungen wurde aber bis zum Zehnfachen dieser Dosis entdeckt (bis 158 mg). Bereits ein oder wenige Male eingenommen kann die vom Hersteller empfohlene Menge den Blutzucker so stark senken, dass er nicht mehr zu behandeln ist und bleibende neurologische Schäden verursachen oder gar zum Tod führen kann.4 Dramatisch wird es, wenn jemand – im Vertrauen auf die gute Verträglichkeit der angeblich natürlichen Nahrungsergänzungsmittel – die Dosis noch erhöht.


Dubiose Wirkstoffcocktails

Nahrungsergänzungsmittel sind des Öfteren gleich mit mehreren Wirkstoffen gepanscht. Einige dieser Wirkstoffmischungen sind medizinisch geradezu absurd. In der Arzneimitteltherapie gibt es beispielsweise keine Fixkombination mit Erektionsförderer und blutzuckersenkenden Wirkstoffen. Solche Wirkstoffcocktails wurden allerdings in gepanschten Nahrungsergänzungen, und dazu noch in extremen Hochdosierungen nachgewiesen, etwa in Jiu Bian Wang. Die GPSP-Internetdatenbank „Gepanschtes“ nennt auch Long Ren Tang Fu She Gu Rang Jiao Nang, das mit gleich acht (!) stark wirkenden Stoffen gepanscht ist, darunter vier Schmerz- und Rheumamittel. Diese können schwere Magen-Darm-Schäden verursachen. Was ein solcher Wirkstoffcocktail sonst noch im Körper anrichtet, lässt sich nicht voraussagen.


Risiken, die keiner kennt

Über unerwünschte Wirkungen gepanschter Nahrungsergänzungen ist zu wenig bekannt. Werden solche Produkte jedoch aufgrund eines Verdachts konsequent überprüft, gibt es bisweilen erschreckende Befunde. Eine Untersuchung wurde beispielsweise veranlasst, weil sich schwere Unterzuckerungen gehäuft hatten, für die sich zunächst keine Erklärung fand. Erst durch systematisches Nachforschen kam heraus, dass die Betroffenen „Nahrungsergänzungsmittel“ geschluckt hatten, die erhebliche Mengen blutzuckersenkende Wirkstoffe enthielten. Während Ärzte und Ärztinnen unerwünschte Wirkungen von Arzneimitteln – wenn auch leider oft zu selten – an die zuständigen Behörden melden, fehlen bei Nahrungsergänzungsmitteln solche Erkenntnisse. Auch Apotheker und Apothekerinnen tragen wenig zur Problemlösung bei. Sie alle wissen nämlich meist gar nicht, dass ihre Patienten beziehungsweise Kunden Nahrungsergänzungsmittel aus dem Internet beziehen, und sie fragen oft nicht danach. Viele Menschen halten Nahrungsergänzungsmittel, die als natürlich und rein pflanzlich angeboten werden, für harmlos. Treten ungewöhnliche Wirkungen auf, denken sie eher an Arzneimittel, die sie gleichzeitig einnehmen, als an Nahrungsergänzungsmittel als Auslöser.

Wir haben in GPSP vielfach betont, dass der „Verzehr“ von Nahrungsergänzungsmitteln in aller Regel überflüssig ist und aufgrund von Panschereien riskant sein kann. Autoren aus Großbritannien und den Niederlanden ziehen ein einfaches Fazit in Bezug auf Nahrungsergänzungsmittel gegen Impotenz: Es gibt nur solche, die wahrscheinlich verträglich sind, aber nicht die versprochenen Effekte bringen, und solche, die möglicherweise wirken, aber riskant sind.2 Es erscheint uns sinnvoll, generell auf Nahrungsergänzungsmittel zu verzichten. Eine Wohltat für die Geldbörse wäre dies allemal.

Quellen:
1 Low MY u.a. (2009) Drug Saf.; 32, S. 1141
2 Cohen PA, Venhuis BJ (2013) JAMA intern. Med.; 173, S. 1169
3 Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie und Gleichstellung Schleswig-Holstein (2013) Medien-Information vom 23. Juli
4 Poon WT u.a. (2009) Hong Kong Med. J.; 15, S. 196


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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