Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2013 / 04 S. 10

Medikamente und trotzdem tauchen?

Manche Arzneien mindern die Tauchtauglichkeit

© D. von Herrath

Die Frage, ob sich Arzneimittel und Tauchsport vertragen, müssen sich nicht nur Taucher stellen, die regelmäßig Medikamente benötigen – und das ist immerhin jede fünfte Taucherin und jeder siebte Taucher.1 Medikamente können im Tauchurlaub auch erst erforderlich werden, zum Beispiel bei starkem Durchfall, Schmerzen, Seekrankheit oder zur Malariaprophylaxe.

Viele Arzneimittel können die Tauchtauglichkeit stark einschränken, bei manchen sollte man das Tauchen ganz lassen. Aber nur wenige Mittel sind unter den Bedingungen des Tauchens untersucht. Um das Risiko einzuschätzen, orientieren Sie sich am besten in der Packungsbeilage Ihres Arzneimittels an den Warnhinweisen zum „Führen von Kraftfahrzeugen oder Maschinen“. Beim Tauchen sind Aufmerksamkeit, Reaktions- und Entscheidungsfähigkeit, Orientierungsvermögen, Besonnenheit und eine gewisse körperliche Fitness gefordert. Medikamente, die diese Fähigkeiten beeinträchtigen (können), sind daher tabu (siehe Tabelle). Medikamente, die im Gehirn wirken, können nicht nur Wachheit und Aufmerksamkeit, sondern insbesondere die Wahrnehmung wichtiger Warnsymptome eines Tiefenrauschs (GPSP 1/2013, S. 5) stören, eventuell verstärken sie sogar die Neigung dazu.

Krankheiten und Tauchen
GPSP 1/2013, S. 7

Was ist problematisch und was nicht? 

Arzneimittel gegen Bluthochdruck: Wer trotz Bluthochdruck tauchen will, sollte von seinem Arzt oder der Ärztin gut und stabil eingestellt sein. Gegen ACE-Hemmer, Sartane und Kalziumantagonisten bestehen wenig Bedenken. Salz- und Wasser-ausscheidende Medikamente (Diuretika) wirken beim Tauchen möglicherweise stärker als sonst – und damit auch stärker blutdrucksenkend. Der höhere Umgebungsdruck unter Wasser steigert schon normalerweise die Harnproduktion, und jeder Taucher kennt den zunehmenden Harndrang bei längeren Tauchgängen. Die Dosierung von Betablockern sollte hinsichtlich möglicher unerwünschter Wirkungen individuell gut angepasst sein. Denn bei empfindlichen Menschen können sie die Atemwege verengen und somit das Ausatmen behindern („Air-trapping“). Dies kann speziell beim Auftauchen, bei dem sich ja die Luft in der Lunge ausdehnt, problematisch werden. 

Hormonelle Verhütungsmittel: Tauchen verstärkt offenbar die erhöhte Thromboseneigung durch die „Pille“ nicht zusätzlich. Sie gilt im Hinblick auf das Tauchen als eher unbedenkliches Medikament. Schilddrüsenhormone: Sofern die zugrunde liegende Erkrankung gut behandelt und die Arzneimittel richtig dosiert sind, gelten sie als unbedenklich. 

Arzneimittel gegen Gicht: Wer sein Präparat gut verträgt, kann durchaus tauchen. Aber: Erstaunlich viele männliche Taucher nehmen solche Präparate ein. Möglicherweise besteht bei ihnen gar keine Gicht, sondern nur der Harnsäurewert ist erhöht, was oft keiner medikamentösen Behandlung bedarf. 

Arzneimittel gegen See- und Flugkrankheit: Viele so genannte Antiemetika wirken dämpfend und verursachen gelegentlich sogar Desorientiertheit. Ihre Wirkung muss vollständig abgeklungen sein, bevor getaucht wird – das gilt auch für die Seekrankheit selbst! Keinesfalls sollte man diese Mittel einnehmen, um etwa kurz nach einer voraussichtlich stürmischen Bootsfahrt weniger seekrank zu sein und sofort abtauchen zu können. Wer müde machende Antihistaminika (siehe Tabelle) gegen Seekrankheit verwendet, muss ebenfalls mit dem ersten Tauchgang warten. 

Arzneimittel gegen Durchfall: Mehrere Magen-Darm-Mittel (Loperamid, Metoclopramid u.a.) beeinträchtigen auch das zentrale Nervensystem. Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit und Angst können die Folge sein. Vom Tauchen wird abgeraten. Aber meist hält einen die Erkrankung selbst davon ab zu tauchen. 

Schmerzmittel: Wer starke, im zentralen Nervensystem wirkende Schmerzmittel (Opiate) benötigt, sollte nicht tauchen (siehe Tabelle). Andere Schmerzmittel etwa Acetylsalicylsäure (ASS) oder Paracetamol und entzündungshemmende Arzneimittel gelten als eher unbedenklich. Treten jedoch beispielsweise Benommenheit oder Schwindel auf, kommt Tauchen nicht in Frage. Wer ASS einnimmt sollte beachten, dass eine Verletzung eventuell stärker blutet – das gilt auch im Fall eines Barotraumas. 

Wer ein Schmerzmittel einnimmt, sollte sich fragen, ob nicht die Ursache seiner Schmerzen bereits Grund genug ist, nicht zu tauchen. Kopfschmerzen nach zu viel Alkohol gehören in diese Rubrik. 

Wer tauchen möchte, sollte sich von einem Taucharzt untersuchen lassen.
GPSP 1/2013, S. 4


Allergiemittel: Antihistaminika werden gegen Allergien aber auch gegen Seekrankheit eingenommen (s. oben). Sie können müde und eventuell sogar benommen machen. Auch weniger müde machende Antiallergika haben solche Nebenwirkungen. Daher sollte nicht tauchen, wer Antiallergika/Antihistaminika einnimmt (s. Tabelle). Salben oder Gele (z.B. gegen Insektenstiche) sind kein Problem. 

Malariamedikamente: Häufig liegen attraktive Tauchregionen in Ländern, in denen eine Malariaprophylaxe nötig ist. Fast alle Antimalaria-Mittel können das zentrale Nervensystem beeinträchtigen und etwa Benommenheit, Schwindel, Übelkeit oder Desorientiertheit auslösen. Am häufigsten ist dieses Problem bei Mefloquin (Lariam®) (GPSP 3/2013, S. 10). Gelegentlich kommen tagelang anhaltende Depressionen, Halluzinationen und Magen-Darm-Unverträglichkeiten vor. Deshalb sollte nicht tauchen, wer Mefloquin einnimmt. Lassen Sie sich in einem Tropeninstitut über die geeignete Prophylaxe beraten. 

Potenzmittel: Über spezielle Gefahren durch Sildenafil (Viagra® u.a.), Vardenafil (Levitra®) und Tadalafil (Cialis®) beim Tauchen ist wenig bekannt. Die typischen Risiken dieser Mittel wie Blutdruckabfall, Schwindel, Sehstörungen und Wechselwirkungen mit Herzmitteln sind im Wasser noch gefährlicher. Wegen der stundenlangen Arzneimittelwirkung sollte ein möglichst großer Sicherheitsabstand (12-20 Stunden) zwischen der Einnahme und dem Tauchbeginn liegen, bei Tadalafil wahrscheinlich besser mehr als 24 Stunden. 

Diabetes-Medikamente: Es ist umstritten, ob Diabetiker, die Insulin spritzen müssen, tauchen sollten. Viele Diabetiker tauchen aber schon jahrelang, sogar wenn sie Insulin mit einer Pumpe zuführen. Dann sind jedoch eine ganze Reihe von Sicherheitsvorkehrungen zu erfüllen.3 So müssen Typ-1-Diabetiker bestens über ihre Krankheit Bescheid wissen. Und er oder sie muss selbständig und zuverlässig die Insulindosierung an den selbst gemessenen Blutzuckerspiegel anpassen können. 

Diabetiker, die nur Tabletten nehmen, erleiden seltener Unterzuckerungen. Tauchen ist für sie weniger problematisch, doch bestehen im Prinzip die gleichen Risiken. 

Bei stark schwankendem Blutzuckerspiegel ist vom Tauchen abzuraten. Grundsätzlich sind schwierige Tauchgänge tabu. Unterzuckerungen und Flüssigkeitsmangel sind im Wasser besonders gefährlich, und es muss mit dem Taucharzt besprochen sein, was bei einem Notfall zu tun ist. Bestehen Gefäßschäden mit Durchblutungsstörungen (GPSP 2/2013, S. 19), sollte man nicht tauchen.

Barotrauma
GPSP 1/2013, S. 6
 

Medikamente gegen Beschwerden beim Tauchen 

Nasentropfen nehmen manche Taucher und Taucherinnen, um beim Abtauchen den Druckausgleich zu erleichtern. Der ist manchmal durch enge Ohrtrompeten erschwert, oder es bestehen Entzündungen und Schwellungen im Nasen-Rachenbereich. Abschwellende Nasentropfen helfen zwar, die Ohrtrompeten besser durchgängig zu machen, aber ihre Wirkung nimmt manchmal bereits während des Tauchgangs ab. Dies gilt selbst für Nasentropfen mit relativ langer Wirkzeit (Oxymetazolin oder Xylometazolin; Wirkzeit 6-8 Stunden). Der Wirkverlust kann beim Aufsteigen den Druckausgleich erschweren und Barotraumen im Mittelohr erzeugen („Reversed ear“). Deshalb wird von Nasentropfen vor dem Tauchgang abgeraten, zumal sie eine Infektion in diesem Bereich verschleiern können. Diese verbietet es zu tauchen. 

Leichtsinnige Taucher gefährden auch ihre Helfer.


Mit Ohrentropfen sind hier nicht die häufig selbst gemixten „Taucher-Ohrentropfen“ gemeint, die Infektionen vorbeugen sollen und in ihrem Nutzen und Schaden kaum zu beurteilen sind, sondern Antibiotika- und Kortison-haltige Präparate zur Schmerzlinderung. Sind sie medizinisch notwendig, liegt fast immer eine Infektion oder eine Verletzung (z. B. Barotrauma) vor, bei der ohnehin nicht getaucht werden darf. Da solche Tropfen Probleme beim Druckausgleich verschleiern, können sie zu Barotraumen führen. Antibiotikahaltige Tropfen sind ungeeignet zur Vorbeugung von Mittelohrinfektionen, vor denen sich viele Taucher fürchten.
 

Generelle Tipps für Arzneimittel und Tauchen 

Wenn Sie ein Medikament benötigen und dieses Kopfschmerzen, Müdigkeit, Benommenheit, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall auslöst oder Herz- und Kreislauffunktionen beeinträchtigt (z.B. Blutdruckabfall), dürfen Sie nicht tauchen. 

Beachten Sie auch, dass Arzneimittel, die man kurz vor einem Tauchgang einnimmt, unter Wasser zu unerwarteten Problem führen können. 

Als Taucher und Taucherinnen tragen Sie große Selbstverantwortung, denn Sie müssen vor jedem Tauchgang persönlich entscheiden, ob Ihre Tagesform ausreicht – selbst wenn Sie bisher uneingeschränkt tauchtauglich waren. 



Quelle
1 Etz P (2010) Caisson; 25, S. 8
2 Modifiziert nach: Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin www.gtuem.org; Lier H (2004) Medikamente als Risikofaktor beim Tauchen. Notfall und Hausarztmedizin; 30, S. 90; Edmonds C u.a. (2012) Diving Medicine for Scuba Divers www.divingmedicine.info
3 Fabian A (2013) Tauchen für Diabetiker – durchaus möglich www.taucher.net/medizin/Tauchen_fuer_Diabetiker___durchaus_moeglich__med29.html (Abgerufen 21.6.2013)

 


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

GEPANSCHTES

Gepanschtes-Button-B272px

Heft-Archiv


Titelbild dieser Ausgabe


AKTION

AKTION 1000 neue Abonnenten

Spenden

Unsere Informationen gefallen Ihnen?
SpendenWenn Sie Gute Pillen – Schlechte Pillen mit einer Spende unterstützen, hilft uns das, unabhängig und werbefrei zu sein. GPSP ist gemeinnützig. Spenden sind steuerlich absetzbar: