Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2019 / 01 S. 27

Gepanschtes:

Illegale Anbieter immer skrupelloser

© Schlierner/ fotolia
© Schlierner/ fotolia

Ende 2018 haben Behörden zusammen mit Zustelldiensten in 116 Staaten kriminelle Online-Angebote kontrolliert. Innerhalb einer Woche wurden in der von Interpol initiierten Operation Pangea weltweit eine Million Briefe, Päckchen und Pakete inspiziert und 500 Tonnen illegaler pharmazeutischer Produkte beschlagnahmt.1

Es fällt auf, dass illegale Erektionsförderer nach wie vor den Markt beherrschen. Dies ist auch eine der wesentlichen Erfahrungen von GPSP aus der jahrelangen Beobachtung des Marktes. Die schweizerische Behörde Swissmedic kommentiert: „Die illegalen Anbieter werden außerdem zunehmend … skrupellos“.2 So wurden jetzt sogar in Schokoriegeln und in einem Schokoladenherz nichtdeklarierte chemische Substanzen gefunden. In dem Herz ließen sich mehr als die maximale Tagesdosis des Erektionsförderers Sildenafil nachweisen. GPSP-Leser und GPSP-Leserinnen wissen bereits, dass stark wirksame chemische Stoffe auch in harmlos erscheinenden Produkten wie Kaffeepulver enthalten sein können (GPSP 2/2015, S. 27).

Der illegale Handel lässt sich auch durch konzertierte Aktionen wie Pangea leider nicht wesentlich eindämmen. Bundeskriminalamt und Zoll sehen daher eine der wichtigsten Funktionen dieser Aktion darin, die Menschen für die Gesundheitsgefahren zu sensibilisieren, die mit dem Kauf von Arzneimitteln und Nahrungsergänzungsmitteln im Internet verbunden sind.3

Hierzulande raten Zoll und Bundes­kriminalamt4 allen Verbrauchern, Arzneimittel in der Apotheke vor Ort zu kaufen oder nur bei zugelassenen Online-Händlern, auf deren Internetseiten das EU-weit geltende EU-Sicherheitslogo (weißes Kreuz auf grünem Grund; vgl. GPSP 5/2015, S. 14) zu finden ist. Die Echtheit des Logos lässt sich durch An­klicken überprüfen. Grundsätzlich sollten Anbieter gemieden werden, deren Internetseiten keine nachvollziehbare Postanschrift angeben, grobe sprachliche Mängel
aufweisen oder überzogene Versprechun­gen enthalten (GPSP 1/2017, Seite 27).

In den zwei Monaten seit der letzten Ausgabe von GPSP haben wir 19 weitere illegale Produkte aufgespürt, erneut überwiegend gepanscht mit Erektionsförderern. Im Internet finden Sie bei GPSP Näheres zu über 2.000 illegalen Nahrungsergänzungsmitteln.


1    Interpol (2018) Pressemitteilung vom 23. Okt. 2018
2    Swissmedic (2018) Pressemitteilung vom 23. Okt. 2018
3    Generalzolldirektion (2018) Pressemitteilung vom 23. Okt.
4    BKA (2018) Arzneimittelkauf über das Internet; Okt.

Neu gefunden

Mit chemischen Appetithemmern gepanscht

Produkt: auf der Packung nicht deklarierte Stoffe

Lipro Dietary Kapseln: Sibutramin
Nutra Organics Green Tea Extract Kapseln: Sibutramin
Pink Granada: Sibutramin + Phenolphthalein

Sibutramin: Sibutramin war 1999 bis 2010 als verschreibungspflichtiges Arzneimittel (Reductil®) im Handel. Dann musste es – längst überfällig – weltweit wegen seines Herz-Kreislauf-schädigenden Potenzials aus dem Handel gezogen werden (GPSP 2/2010, Seite 8 – http://viagramonster.info/kurz-und-knapp-endlich-sibutramin-reductil-vom-markt/). Sibutramim kann den Blutdruck und die Herzschlagrate erhöhen und gefährdet vor allem Menschen mit koronarer Herzkrankheit (Angina pectoris), Herzrhythmusstörungen oder Schlaganfall in der Vorgeschichte. Es drohen Herzinfarkt, Herzstillstand, Schlaganfall u.a. Wenn gleichzeitig bestimmte andere Medikamente eingenommen werden, sind ebenfalls lebensbedrohliche Folgen möglich.

In Pink Granada wurde neben Sibutramin auch das Abführmittel Phenolphthalein entdeckt, das in Arzneimitteln (früher z.B. in Darmol® Abführschokolade) seit vielen Jahren wegen möglicher krebsauslösender Wirkungen nicht mehr im Handel ist. Bei langfristiger Einnahme besteht eine Wahrscheinlichkeit, dass es zu Magen-Darm-Störungen, Herzrhythmusstörungen, Krebs und anderen unerwünschten Wirkungen kommt.


Mit chemischem Potenzmittel gepanscht

Produkt: auf der Packung nicht deklarierte Stoffe

America Treasure: Sildenafil
Best Leopard Miracle of Honey: Sildenafil + Tadalafil
Black Ant King Tabletten*: Sildenafil + Chloramphenicol
Gold Max Blue: Sildenafil
Gold Viagra 9800 mg Kapseln: Sildenafil
Horney Little Devil: Sildenafil + Tadalafil
Leopard Secret Miracle Honey: Sildenafil
MOB Candy: Sildenafil + Tadalafil
Papapa: Tadalafil + Hydroxyhomosildenafil
Rhino 69 Extreme 50000 Kapseln: Tadalafil
Stree Overlord Strong Tabletten: Sildenafil
Vegetal Viagra Kapseln: Sildenafil
Vita-X Revitalizing Capsules for men: Sildenafil
Willy Go Wild: Sildenafil + Tadalafil

*Bei einer früheren Überprüfung wurden lediglich erektionsfördernde Mittel jedoch kein Chloramphenicol nachgewiesen.

Sildenafil ist der Wirkstoff des Arzneimittels Viagra® (auch in zahlreichen Generika erhältlich). Tadalafil wurde als Arzneimittel zuerst als Cialis® in den Handel gebracht, später auch als Generika. Mit Hydroxyhomosildenafil wurde in einem der als Nahrungsergänzungsmittel bezeichneten Produkte auch eine chemische Variante von Sildenafil aufgespürt, die niemals systematisch am Menschen untersucht worden ist. Die Panscherei von Nahrungsergänzungsmitteln mit nicht deklarierten – also verheimlichten – verschreibungspflichtigen Wirkstoffen gegen Erektionsstörungen ist besonders heimtückisch und kriminell. Sie können Verbraucher erheblich gefährden, denn manche Menschen dürfen gerade solche chemischen Erektionsförderer nicht einnehmen. Dazu gehören Herzkranke, die gleichzeitig Nitropräparate wie Isosorbiddinitrat (ISDN) oder ähnliche Arzneimittel gegen Angina pectoris benötigen (GPSP 2/2013, S. 4 – http://www.viagramonster.info/angina-pectoris/). In Kombination mit einem chemischen Erektionsförderer wie Sildenafil kann der Blutdruck lebensbedrohlich abfallen. Vor allem wer aus medizinischen Gründen chemische Erektionsförderer meiden muss, erhofft sich jedoch möglicherweise Hilfe von den als harmlos beworbenen Nahrungsergänzungsmitteln und ist unwissentlich gefährdet, wenn er an ein gepanschtes Produkt gerät.

Das Antibiotikum Chloramphenicol ist wegen seiner blutschädigenden Wirkung seit Langem in Arzneimitteln überholt und längst vom Markt. Dass Chloramphenicol in einem angeblich harmlosen Nahrungsergänzungsmittel aufgespürt wurde, veranschaulicht die Skrupellosigkeit illegaler Panscher.


Mit chemischen Kortisonabkömmling gepanscht

Produkt: auf der Packung nicht deklarierte Stoffe

Herba Sarat Kapseln: Dexamethason

Dexamethason ist ein stark wirkender Kortison-Abkömmling und wird ab und zu in angeblich natürlichen Nahrungsergänzungsmitteln entdeckt. Dexamethason ist aus gutem Grund verschreibungspflichtig. Es kann beispielsweise die Fähigkeit des Körpers herabsetzen, Infektionen abzuwehren, den Blutdruck sowie den Blutzuckerspiegel erhöhen und psychische Probleme auslösen. Nach längerer Einnahme löst abruptes Absetzen Entzugserscheinungen aus. Vielfältige Wechselwirkungen mit anderen Arzneistoffen sind möglich.


Mit Theophyllin und Koffein gepanscht

Produkt: auf der Packung nicht deklarierte Stoffe

ViaGro 500 mg Male Enhancement Kapseln: Theophyllin + Koffein

Das Nahrungsergänzungsmittel ViaGro soll angeblich die „Manneskraft“ stärken. In dem Produkt wurde allerdings Theophyllin entdeckt, das als verschreibungspflichtiges Arzneimittel zur Therapie des Bronchialasthmas verwendet wird. Theophyllin kann häufig zu Blutdruckabfall, Durchfall und Erbrechen führen, sowie zu Erektionsstörungen. Das Produkt kann also zum Gegenteil des gewünschten Effekts führen, der versprochen wird. Das ebenfalls in dem angeblichen Nahrungsergänzungsmittel aufgespürte stimulierend wirkende Koffein kann, ebenso wie Theophyllin, Schlafstörungen verursachen.



Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

GEPANSCHTES

Gepanschtes-Button-B272px

Heft-Archiv


Titelbild dieser Ausgabe


AKTION

AKTION 1000 neue Abonnenten

Spenden

Unsere Informationen gefallen Ihnen?
SpendenWenn Sie Gute Pillen – Schlechte Pillen mit einer Spende unterstützen, hilft uns das, unabhängig und werbefrei zu sein. GPSP ist gemeinnützig. Spenden sind steuerlich absetzbar: