Mehr Geschäft als Nutzen

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Manche Apotheken bieten Gentests an, die helfen sollen, die individuelle Auswahl von Arzneimitteln oder ihre Dosierung zu verbessern. Geworben wird mit höherer Therapiesicherheit: Verbesserte Erfolgschancen bei selteneren Nebenwirkungen. Gute Pillen - Schlechte Pillen geht der Frage nach, ob die Tests diese Versprechungen einlösen und ob es sich lohnt, tief in die Tasche zu greifen. Denn Gentest und die dazugehörige ärztliche Beratung sind selbst zu zahlende Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL).

Kann ein Gentest herausfinden, ob bei mir das eine Medikament besser wirkt als das andere? Oder, müsste ich es eventuell in einer anderen Dosierung einnehmen?

In Deutschland bietet der Pharmakonzern Stada gemeinsam mit dem Gentestanbieter Humatrix Tests für die Wirksamkeit einiger Medikamente an. Die Tests werden von manchen Apotheken gezielt beworben1, sie sind teuer und werden von gesetzlichen Krankenkassen nicht erstattet. Gut 160 € kostet z. B. ein Gentest, der verraten soll, ob der Gerinnungshemmer Clopidogrel in der Vorbeugung von Herzinfarkt- oder Schlaganfall wirklich wirksam ist. Zu diesen Kosten kommt noch das Arzthonorar, das ebenfalls als IGeL aus eigener Tasche zu zahlen ist.

Solche Gentests sollen beispielsweise feststellen, wie schnell ein Mensch ein Medikament in den Körper aufnimmt oder verstoffwechselt, d.h. wie rasch es abgebaut oder auch in wirksamere Formen umgewandelt wird. Es ist eine ganze Reihe von Wirkstoffen bekannt, deren Stoffwechsel tatsächlich von der genetischen Konstellation beeinflusst wird. Allerdings spiegeln sich diese wissenschaftlich zweifelsfrei nachgewiesenen Zusammenhänge bisher kaum in der für den Patienten spürbaren Arzneimittelwirkung wider. Vermutlich ist bei vielen Medikamenten die „therapeutische Breite“ ausreichend groß, dass mögliche genetische Unterschiede im Stoffwechsel für die Wirksamkeit und das Auftreten unerwünschter Effekte nur nachrangig bedeutsam sind.

Die hier angesprochenen Tests dürfen nicht verwechselt werden mit der Prüfung genetischer Merkmale, die für die grundsätzliche Wirkung bestimmter Medikamente entscheidend sind. Diese ist für einige Behandlungen von Krebs und Viruserkrankungen zwingend erforderlich, um zu vermeiden, dass Patienten belastenden Therapien ausgesetzt werden, die bei ihnen gar nicht funktionieren können. Solche Tests veranlasst der Arzt, und sie werden selbstverständlich von den Krankenkassen bezahlt.

Und noch eine Verwechslungsmöglichkeit: Es gibt durchaus Arzneimittel, deren Dosis individuell genau eingestellt werden muss, weil bereits kleine Abweichungen vom optimalen Wirkstoffspiegel im Blut das Ausbleiben der erwünschten Effekten bzw. das Auftreten von unerwünschten Wirkungen bedeuten können. In diesen Fällen wird routinemäßig der Wirkstoffspiegel im Blut bestimmt. Das lässt sich unkompliziert – und für den Patienten kostenfrei – durchführen. Gentests bieten hier keinen Ersatz.

„Die in Apotheken für viel Geld angebotenen Tests haben ohne Zweifel einen seriösen wissenschaftlichen Hintergrund, aber außerhalb von Forschungsprojekten verbessern derzeit ihre Ergebnisse die Arzneimitteltherapie nicht“, sagt der Pharmakologe Prof. Bernd Mühlbauer. „Vorerst nützen sie nur einem, nämlich dem jeweiligen Testanbieter.“

Den GPSP-Originalartikel mit ausführlichen Informationen zu Gentests finden Sie hier: https://viagramonster.info/pages/archiv/jahrgang-2014/nr.-2-maerzapril-2014/das-massgeschneiderte-arzneimittel-was-gentests-versprechen-ndash-und-was-sie-halten.php

Die Veröffentlichung dieser Mitteilung ist kostenlos unter Angabe der Quelle www.viagramonster.info oder Gute Pillen – Schlechte Pillen 2/2014. Über Rückmeldung oder Beleg freuen wir uns.

Pressemitteilung als PDF

 

Redaktion Gute Pillen - Schlechte Pillen 
August-Bebel-Str. 62
D-33602 Bielefeld

 

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Quelle
1 Pharmazeut. Ztg. (2013) 28.11, S. 17

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